Sebastians Kolumne

Sebastian Schmidt-Volf ist u.a. Bassist der notorisch erfolglosen, aber unverdrossen dem Weltruhm entgegenstrebenden Band Enemy Station. Ausserdem leidenschaftlicher Sportfan – hier vor allem der Düsseldorfer Fortuna und der DEG. Seit dem letzten Jahr wirft er für uns auch einen regelmässigen Blick "von aussen" auf das Geschehen in der Volleyball Bundesliga.

Auswärts in Herrsching …

"Du schreibst ja immer positiv – ich bin gespannt, was dir jetzt noch einfällt." Diese, äh, Aufforderung ist mir mit auf den Weg gegeben worden – allerdings schon vor ein paar Wochen nach dem ziemlich desolaten 0:3 gegen Innsbruck.

So langsam, gebe ich zu, fällt es schwer. Denn wenn man von einem Spiel wie in Herrsching ohne Punkt(e) nach Hause fährt, ist das einfach nur deprimierend. Die ersten beiden Sätze waren noch einigermaßen normal, das 1:1 zu diesem Zeitpunkt auch völlig in Ordnung. Was danach passierte, war einfach nur skurril: Unsere Volleys waren schlicht und einfach das bessere Team, haben aber dennoch beide Sätze und damit das Match verloren.

Im dritten Satz lagen wir 13:6 vorne. Dreizehnzusechs! Und es begann die große Flatter. Auf einmal wurde nicht mehr vernünftig geschossen, sondern die Bälle rübergezittert, auf einmal gingen Annahmen in die Hose oder das Feld erwies sich als zu groß (unsere Seite) bzw. zu klein (deren Seite). 22:25. Nicht zu fassen. In Satz 4 nahezu dasselbe Bild: Wieder lagen wir quasi durchgehend vorne und haben ein gutes und couragiertes Spiel gemacht, wieder haben wir uns nicht belohnt. Nicht mal ein 22:18 hat gereicht. Zweiundzwanzigzuachtzehn!

Der Matchball zum 23:25 fasst das ganze Drama in 2 Sekunden zusammen: Herrschings Zuspieler erreichte einen Schlag von Sam Boehm noch so gerade eben – und dessen unkontrollierte Annahme segelte Zentimeter unter dem Hallendach entlang in aller Seelenruhe in die hinterste Ecke, vorbei an allen völlig entgeistert guckenden Volleys. Schluss, aus, vorbei. Die Herrschinger konnten ihr Glück selbst kaum fassen.

Ja, da hätten wir mindesten einen, eher mehr Punkte verdient gehabt. Und ja, da war einiges an Pech dabei. Aber nicht nur. Wenn du punkten willst, darfst du nicht nur bis zum 13:6 oder bis zum 22:18 gut spielen, sondern bis zum verdammten 25. Punkt. Bis zum Ende cool, mutig und entschlossen zu sein ist auch eine Qualität.

Aber ich wollte ja positiv schreiben. Nun denn. Heute Berlin ... öhm, ja, ist ein Bonus-Spiel. Spaß haben, die Zuschauer unterhalten, und vielleicht springt wieder ein Satz heraus wie letztens gegen Friedrichshafen. Wenn nicht ist es eigentlich auch egal, an diesem Spiel hängt die Saison sicher nicht. Die hängt eher an den reell schlagbaren Gegner, also KW, Bühl, Rottenburg, Herrsching. Und die kommen alle noch zu uns ins Bergische. Alle vier. Nacheinander. Sollen sie kommen! Immer positiv denken!

Heim-Spieltag 4 – Ein Satz ist ein Satz ist ein Satz.

Aber eigentlich auch wieder nicht. Ein Satz gegen Bühl ist schön und gut, hilft aber auch nicht substantiell weiter, weil es für einen Satz allein eben keine Punkte gibt.

Ein Satz gegen Friedrichshafen ist dagegen ziemlich spektakulär. Klar, auch dafür gibt es keine Punkte, aber die konnte man in diesem Spiel nun auch wirklich nicht erwarten, selbst mit einem Satzgewinn hat man realistischerweise nicht rechnen können.

Ich gestehe: Als ich nach Hause kam und 1:1-Satzausgleich, 8:8 im Dritten im Ticker las, war ich verdammt baff. Das riecht nach Sensation, dachte ich mir, da muss ich noch hin – der Gedanke war noch nicht ganz zu Ende gedacht, als ich wieder im Auto saß. Fünf Minuten später war ich an der Halle … an der falschen, wie ich zu meinem Leidwesen feststellen musste. Ich bin zur Wittkulle gehetzt, aber das Spiel war ja im Tal. Öhm, tja, dumm gelaufen.

Jeweils einen Satz also gegen Bühl und Friedrichshafen, aber noch immer keine Punkte. Die sollte es bei unseren alten Relegations-Freunden in Rottenburg geben, die auch erst zwei Sätze gewonnen hatten, die aber immerhin in einem Match und deshalb schon einen fetten Punkt in der Tabelle stehen hatten. Wo soll man gewinnen, wenn nicht da? Das Problem zeigt sich allerdings bereits an der Rückseite derselben Medaille: Gegen wen wollen die gewinnen, wenn nicht gegen uns? Vorletzter gegen Letzter, beide müssen punkten – es war angerichtet für einen Leckerbissen.

Satz 1 gegen Rottenburg habe ich weitgehend verpasst, da war ich noch damit befasst, Co-Trainer Olli Gies als Libero zu verstehen. Libero – das spielen doch immer die kleinen schmalen flinken, die schnell unter dem Ball sein müssen. Olli!? Er wird mir das hoffentlich nicht übel nehmen, aber … er ist doch nicht klein? Aus meiner Sicht hat er das trotzdem (oder gerade deshalb) sehr souverän gemacht, aber verloren wurde der Satz trotzdem. Diese ersten Sätze sollte man sowieso einfach streichen, da steht es gefühlt immer erst 10:10 und kurz danach 12:17 und fott sind sie. Satz 2 dagegen war eine „Runde Sache“ – jetzt war auch der TVR angemessen nervös und die Fehlerwaage neigte sich erfreulich deutlich in die richtige Richtung. Satz 3 brachte eine 16:12-Führung zur zweiten Auszeit. Tja, und so was muss man dann einfach mal nach Hause bringen, wenn man punkten will, in Rottenburg erst recht.

Selbst deren Hyperaktivist an der Seitenlinie, Trainer Müller-Angstenberger, war da mal für ein paar Augenblicke nicht so aufgedreht wie sonst, aber gereicht hat es nicht – 23:25. Satz 4 war dann geradezu eine Zusammenfassung vieler Spiele in 48 Punkten: Immer nah dran, immer mal wieder einen Rückstand aufgeholt, nur um dann doch wieder ins Hintertreffen zu geraten. Wieder 23:25. Wirklich besser war Rottenburg in dem Spiel nicht, aber in der Crunchtime eben ein wenig bissiger, ein wenig cooler, ein bisschen abgezockter, ein bisschen erfolgreicher.

So stehen wir jetzt zwar mit drei Sätzen da, aber noch immer ohne Punkt. Wird sich das heute gegen Düren ändern? Oder demnächst in Herrsching oder gegen Berlin? Es sollte. So ganz ohne Punkte wird es nämlich schwer, Tabellenplatz 11 zu verlassen. 

Auswärts in Bühl – Live am Stream!

Sebastian hat das Auswärtsspiel gegen die Volleyball Bisons Bühl am Liveticker verfolgt und hat durchaus auch Positives zu berichten. Einen Punkt hätten die Jungs diesmal verdient:

1. Satz:

# Haben die kein Licht in der Halle? Ich seh nix.
# Egal, wie führen.
# Und warum höre ich nix? Haben die auch keinen Ton in der Halle? Oder ist doch die Soundkarte gehimmelt? Kurzer Test ... nein, Musik läu . Lasse ich als Untermalung mal an.
# Wir führen nicht mehr. Ist aber auch gemein, gefühlt jede Angabe auf Róbert Bene zu spielen. Immer auf die Kleinen, menno.
# Was macht dieser Mayaula eigentlich für Einwürfe? Die kann ich ja fester, und das will was heißen. Und vor allem: Warum macht der damit auch noch Punkte?
# Stark angefangen, noch stärker nachgelassen. Adieu, Satz 1.

2. Satz

# Huch, wir führen ja schon wieder!?
# Andere können auch Angabefehler machen!? Oder in die Walachei pöhlen!? Neue Erfahrung. Schöne Erfahrung.
# Fünf Punkte vor. FÜNF!!
# 16:10, Werbepause. Ich bin nervös. Kennt jemand Vlastimil Hort? Ein tschechischer Schachmeister, der mal einen wunderbaren Satz gesagt hat: „Ich weiß nicht, ob ich diese Stellung mit weiß gewinnen würde, aber mit schwarz würde ich sie sicher schnell verlieren.“ So sieht’s aus. Bei 10:16 wäre der Satz sicher weg – aber gewinnen wir ihn mit 16:10?
# Feindliches, äh, Ass. Arghs.
# 21:19. Jetzt aber!
# Satzball, Satzball, Satzball! Satzball für uns!! Und dann: Aufschlagfehler... oh Mann.
# Och nee ... wie kann man diesen Satz verlieren, den die uns auf dem Silbertablett serviert haben?

3. Satz

# Wir führen. Das heißt nix. Leider.
# Wir führen deutlich. Das heißt immer noch nix.
# Wir führen verdammt deutlich. Heißt das doch was?
# Wir führen so dermaßen deutlich, dass wir diesen Satz eigentlich nicht mehr verlieren können. Eigentlich.
# Bevor wir in die Bredouille kommen können, machen die anderen erfreulich viele Fehler. Gute Jungs.
# Satzbälle in Serie. Acht oder zehn oder so. Leute, bitte ...
# Satz, Satz, Satz! Wir haben einen Satz gewonnen! Champagner und Kaviar auf den Tisch, Eselsmilch in die Badewanne! Friedrichshafen kann kommen! Die Weltherrscha  ist nahe!

4. Satz

# Ist so gut wie unser. Einen vierten Satz gegen die Volleys – so was hatten die gar nicht in ihrem Playbook, darauf waren die gar nicht gefasst, hehe. Wir schon, wir haben einen vierten Satz ja neulich in Kiel im Pokal gespielt. Und gewonnen. Just saying.
# Nicht übermütig werden. Und nicht so schnell hinten liegen, wenn ich bitten darf.
# Ich war jetzt eigentlich auf die Heldengeschichte des Comebacks eingestellt – Auswärtssieg nach 0:2, you know!? Aber irgendwie ...
# ... geht der Satz dahin wie schon so viele in dieser Saison.
# Ja gut, in Bühl kann man verlieren, das ist anderen auch schon passiert. Immerhin haben wir einen Satz gewonnen. Vielleicht kommen gegen Friedrichshafen und Frankfurt ja welche dazu. Immer positiv bleiben!

Heim-Spieltag 2 – Tu felix Austria! Die Alpenvolleys kommen …

Über unsere neue Internationalität hatte ich mich schon letztens ausgelassen. Der heutige Gegner, die Alpenvolleys Haching, setzen da aber noch einmal ganz neue Maßstäbe, denn deren 12 Spieler kommen aus neun verschiedenen Ländern, und wenn man das Trainerteam dazurechnet, kommt noch ein zehntes hinzu.

Nicht dabei: Deutschland. Allenfalls Bayern, aber das auch nur, wenn man der teameigenen Page glauben darf, auf der offiziellen Bundesliga-Seite findet sich der Kollege nicht und somit niemand aus Schland. Größte Gruppe ist vielmehr Brasilien (4), knapp gefolgt von der Slowakei und Österreich (je 3). Folgerichtig wird dann auch, jedenfalls vorwiegend, nicht in Deutschland, nicht mal in Bayern, sondern in Innsbruck im schönen Tirol gespielt, was nur konsequent ist, da das Team oder Teile hiervon oder zumindest rechtliche Bestandteile in den letzten Jahren ohnehin in der österreichischen Liga unterwegs war.

Moment, Moment. Doch, genau so: Der gute alte TSV Unterhaching von 1910 e.V., immerhin vierfacher Pokalsieger, hat die Wildcard-Lizenz beigesteuert und das Volleyballteam Innsbruck, österreichischer Serienmeister seit Zeiten der Kaiserin Sisi (ein s, nicht zwei!) die Infrastruktur und vor allem weite Teile des Teams und fertig war der frischgebackene VBL-Teilnehmer. Deutsche Liga in Innsbruck – warum auch nicht, die Ladies in Black aus Aachen (übrigens ein grandioser Teamname!) haben letzte Saison bereits ein Playdown-Spiel in Belgien ausgetragen, weil da eine passendere Halle war und in anderen Sportarten ist das sowieso gang und gäbe - Jokerit Helsinki spielt ebenso in der russischen KHL wie Slovan Bratislava oder Kun- lun RS aus Peking. Ungewohnt in Deutschland, anderswo Usus. Nun gut, spielen halt als Deutsche getarnte und vorwiegend slowako-brasilianische Ösis in der Liga mit.

Wobei "mitspielen" nicht unbedingt deren Ambition ist. Die Playoffs sind bereits diese Saison Pflicht und auf Sicht ist in "Hach-bruck" schon geplant, sich bei den Titelaspiranten einzusortieren. Also nicht unbedingt unsere Kragenweite, auch wenn es natürlich immer bei 0:0 losgeht. Darauf zwei Schilling ins Phrasenschwein.

Ein Satz wäre heute ganz schön (okay, drei Sätze wäre natürlich noch schöner), in den ersten beiden Partien waren unsere Volleys ja zumindest in jeweils einem Satz nah dran. Aber man konnte eben auch sehen, dass es noch etwas Zeit braucht, bis hier zusammenwächst, was zusammengehört. Komplett neues Team, neuer Trainer, recht kurze Vorbereitungszeit, unter Berücksichtigung all dieser Faktoren sind beide 0:3-Niederlagen leider nicht völlig überraschend gekommen, zumal Lüneburg und Frankfurt nun auch alles andere als Lauf-Kundschaft sind.

Optimistisch sollten wir dennoch sein, denn es sah teilweise schon ganz gut aus, fand ich. In meiner Ahnungslosigkeit sage ich mal. Noch ärgern wir nur, aber in ein paar Wochen sind wir soweit. Hugh!

Der Saisonauftakt – "Örs vezér tere köszönöm!"

Schweden? Der neue Trainer kommt aus Schweden? Wieso wird in Schweden Volleyball gespielt? Nun, klar, natürlich wird in Schweden Volleyball gespielt, es wird ja sicher auch in Georgien Badminton oder in Mexiko Handball gespielt werden, aber dass in Schweden offensichtlich halbwegs ernsthaft  Volleyball betrieben wird, war mir unbekannt. Italien, Russland, Polen, Kuba, USA, klar, die üblichen Verdächtigen halt, bizarrerweise sogar Aserbaidschan, aber in Schweden spielen doch alle Handball oder Eishockey, wenn sie nicht gerade Kinderbücher schreiben (Mädchen) oder Möbelhäuser gründen (Jungs). Tja, muss ich wohl mein Vorurteilsradar neu jus- tieren, fürchte ich.

Schweden also. Und das ist ja erst der Anfang der neuen Internationalität bei den Volleys, wenn man sich anschaut, woher die neuen Spieler so alles kommen: Australien, Niederlande, Ungarn, Brasilien, USA usw.. Und gespielt haben die Jungs in Portugal, Frankreich, der Schweiz, Tschechien, Polen, Spanien und Estland. Estland hätte ich übrigens für eine genauso bedeutende Volleyball-Großmacht gehalten wie Schweden, aber das behalte ich mal besser für mich, nachdem ich weiter oben schon meine Ahnungslosigkeit offenbart habe.

Und als wäre das alles nicht verwirrend genug, haben Amerikaner dann so schöne amerikanische Namen wie Benz, Australier heißen ur-australisch Boehm und Brasilianer Specht (was bekanntlich das portugiesische Wort für "Specht" ist). Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, soll ein weiterer Australier mit dem schönen, fast schon aboriginischen Namen Lipscombe dann nicht etwa aus Frankreich oder meinetwegen Kanada stammen (als französisch würde ich das ja noch irgendwie durchgehen lassen), sondern aus Tschechien. Äh, Leute, Tschechen heißen Navratil oder Hasek, aber doch nicht Lipscombe!? Bei all dem Durcheinander haben sich die Volleys nicht lumpen lassen und sich ihrerseits der Welt geöffnet – das etwas urbane "Solingen" wurde durch das geradezu kosmopolitische "Bergische" ersetzt. Ist das nichts? Also bitte.

Trainer und Spieler aus aller Herren Länder, eine solche Runderneuerung ist doch spannend und sollte dafür sorgen, dass wir etwas häufiger mit einem etwas besseren Gefühl nach Hause gehen, als das letzte Saison der Fall war. Denn wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind, ist es nicht nur Pech gewesen, dass wir abgestiegen wären, wenn es in der Liga denn einen Abstieg gegeben hätte, auch wenn, dem Modus sei Dank, dieser sportliche bis zum allerletzten Spiel hätte abgewendet werden können. Unter dem Strich waren schon ein paar üble Klatschen dabei, und damit meine ich jetzt nicht einmal die Bonusspiele gegen Berlin oder Fried- richshafen, sondern eher semibrillante Aufritte der Marke KW. Egal, Schnee von gestern. Vertrauen wir dar- auf, dass sich das mit all den neuen Spielern, Trainern und Managern nicht wiederholt. Dass es stattdessen niederländische (Poffertjes), amerikanische (Spare-Ribs – in der Halle gegrillt! Das wird ein Fest!) oder brasi- lianische (Caipirinha) Spezialitäten beim Catering gibt und freuen wir uns auf ein buntes Multikulti-Team, in dem allerhand lustige Sprachen gesprochen werden.

Ungarisch zum Beispiel. Mit dem Satz aus der Überschrift dieser Kolumne habe ich schon mehrfach geglänzt – er ist universal einsetzbar als Glückwunsch, Zeitangabe, philosophische Bemerkung oder wofür auch sonst er gebraucht wird. Er ist inhaltlich zwar totaler Blödsinn („örs vezer tere“ ist ein Bahnhof in Budapest, „kös- zönöm“ heißt ‚danke‘), aber das weiß außer unserem neuen Libero ja niemand, weil kein Mensch diese merk- würdige Sprache, in der „türkisch“ (und das ist jetzt kein Witz) wirklich und tatsächlich „törkös“ heißt, spricht – probiert es aus und lasst Euch für Eure Kenntnisse bewundern! Es funktioniert.

Auf eine bunte Saison, Sebastian!